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Europäische Bischofssynode

1.  Die Spaltung in der katholischen Kirche

In den letzten Jahrzehnten waren Probleme bezüglich des Glaubens und der Moral, sowie Entscheidungen betreffend Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Familie und Sexualität Gegenstand derart unterschiedlicher Interpretationen unter römischen Katholiken, daß dies zu einer Spaltung innerhalb der Kirche geführt hat, wie es sie nie zuvor in der Kirchengeschichte gegeben hat. Diese Spaltung verlangt nach einer gründlichen Analyse. Sie ist vergleichbar mit den Schismen, die zum Teil seit mehr als tausend Jahren andauern und bis heute eine wesentliche Rolle in den Konflikten unter den verschiedenen europäischen Nationen spielen. Anläßlich der Europäischen Bischofskonferenz halten wir es für angebracht, einige Überlegungen zu dieser Spaltung innerhalb der römisch-katholischen Kirche in das Blickfeld zu stellen.

1.1. Unsere Analyse der Kirchenspaltung

Sozial-religiöse Untersuchungen zeigen ausnahmslos auf, daß unter Katholiken keine Einmütigkeit im Gehorsam gegenüber dem kirchlichen Lehramt besteht. Internationale und kulturübergreifende Umfragen - wie jene des amerikanischen Soziologen Greeley - zeigen in aller Klarheit, wie die Gläubigen zu völlig unterschiedlichen Ansichten gelangen. Dies trifft auch zu bei Fragen, zu denen das päpstliche Lehramt eine Diskussion für unzulässig erklärt hat ('Fast-Dogmen'), wie zum Beispiel zu den Fragen der Ordination von Frauen oder verheirateten Männern. In vielen Länder gibt es eine Mehrheit der Gläubigen, die in einer Weise denkt und handelt, die das Lehramt als 'irrig' qualifiziert.

Diese Spaltung besteht besonders im Bereich der Familien- und Sexualethik:

  • Die meisten Katholiken meinen, daß die päpstliche Lehre nicht nur im Bereich der Geburtenregelung fehl am Platz ist (in einem Ausmaß, daß sie dazu kein Sündenbewußtsein haben), sondern auch was vorehelichen Geschlechtsverkehr, Konkubinat, künstliche Befruchtung, Straffreiheit bei Scheidung und Abtreibung, und ähnliches betrifft.
Im politischen und sozialen Bereich ist die Spaltung nicht weniger auffallend:
  • Katholische Verfechter von Frieden und Gewaltlosigkeit stehen anderen Katholiken gegen-über, die den Krieg als berechtigtes Mittel rechtfertigen (z.B. die NATO-Bombardierungen am Balkan).
  • Befürworter der Integration von Völkern und Rassen stehen in Konfrontation mit anders denken-den Katholiken.
  • Katholische Anhänger von neoliberalen wirtschaftlichen Theorien (mit der zentralen Rolle des Marktes und des Gewinns) stehen Katholiken aus verschiedenen Bewegungen gegenüber, die die moderne Form des 'Mammon' im Kapitalismus und Neoliberalismus verdammen.
  • Katholiken, die die katholische Privatschule als Grundstein der Freiheit ansehen, stehen stehen in Konfrontation mit jenen, welche diese 'Schulen für Begüterte' als antidemokratische Ausbildungslager betrachten.
  • Katholiken, die für einen 'ethischen Staat' oder sogar für einen 'konfessionellen Staat' kämpfen und von ihm die Verteidigung der moralischen Ordnung erwarten, bekämpfen andere Katholiken, die einen laizistischen Rechtsstaat anstreben.
  • Katholiken, die für die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung durch die Staatsgewalt eintreten (Strafgesetze, Gefängnisstrafen, Todesstrafe, bewaffnete Selbstverteidigung) bekämpfen ebenfalls katholische Befürworter von Bildungs- und Rehabilitationsmaßnahmen (Gruppentherapie, erzieherischer Unterricht, Selbstverteidigungskomitees, Werbekampagnen, etc.).
Im Bereich der Ökumene gibt es Gegensätze, die jedoch nicht in der gleichen Schärfe zutage treten:
  • Im Gegensatz Katholiken, die zusammen mit anderen Christen Demonstrationen, Gebetswachen, Gebetsgottesdienste organisieren, das Gespräch zwischen den christlichen Religionen suchen und eine nachhaltige Versöhnung sowie gemeinsame Lösungen für gravierende rechtlich-soziale Probleme anstreben, stehen anderen Katholiken gegenüber, die erklären, im Namen der 'einzig wahren', der römisch-katholischen Kirche zu sprechen und jede Verständigung und jede Auseinandersetzung mit den 'getrennten Brüdern' als Zugeständnis und als Preisgabe des Glaubens verdammen.
Im Dialog mit den nichtchristlichen Religionen, zu denen drei Viertel der Menschheit gehören, ist die Spaltung nahezu total:
  • Auf der einen Seite stehen jene Katholiken (darunter auch Theologen und Bischöfe), die aus prinzipiellen Gründen überzeugt sind, daß eine neue Evangelisierung auf Basis einer wirkungs-vollen Inkulturation notwendig ist, wobei westliche Kategorien, die die christliche Botschaft durch zweitausend Jahre hindurch geprägt haben, abzulegen sind. Ihnen gegenüber stehen Vertreter des Standpunktes, daß bei der Verteidigung und Verbreitung des Christentums die westliche Tradition unverzichtbar ist.
Ebenso groß sind auch die Gegensätze im Bereich der Theologie selbst:
  • Während der letzten Jahrzehnte haben die Anhänger der Befreiungstheologie, der Eingebo-renentheologie, der asiatischen Theologie, die Theologie der irdischen Realitäten (Friede, Politik, Ökologie, etc.) Interpretationen von Gott, der Erbsünde, der ewigen Bestrafung, der Mission von Jesus, der Struktur der Kirche, der Sakramente, der Verehrung der Jungfrau und der Heiligen, und des Heiligen Jahres vorgeschlagen, die zu unüberwindlichen Differenzen führten, sich über die Tradi-tion hinwegsetzten und in der Kirche eine Gedankenwelt entstehen ließen, die jener der 'Traditio-nalisten' völlig entgegengesetzt ist.
In den Bischofskonferenzen treten scharfe Gegensätze zutage:
  • Wäh-rend manche nationalen Episkopate in 'synodaler' Weise vorgehen, Probleme aufgreifen ohne die 'unantastbaren' Fragen zu umgehen und das katholische Volk einladen, diese Probleme in bestimmten Foren zu behandeln, agieren andere in völlig gegenteiliger Weise durch Aus-schluß jeder Art von Beteiligung des Gottesvolkes.
Es besteht ein auffallender Unterschied in der Sicht der Rolle des Papstes - einerseits durch den Papst selbst und wie andererseits ein großer Teil der Katholiken darüber denkt. Dies ist das Resultat aus verschiedenen Erklärungen, 'Positionsbestimmungen' oder Vorgangsweisen, die unter scheinbarem Konformismus versteckt, den Weg in die offene Gleichgültigkeit und Mißachtung ebnen:
  • Ein typisches Beispiel dazu ist der Fall des 'Katechismus der Katholischen Kirche', der unter Aufsicht der römischen Kurie redigiert wurde: zu Millionen verkauft, wird dieses Werk von fast allen Bischöfen, Priestern, Theologen und Leitern der Laienbewegungen praktisch ignoriert.
  • Trotz der päpstlichen Erklärung, daß die Verwendung von Ver-hütungsmitteln gegen die Natur ist und eine Todsünde darstellt, gibt der gesamte kirchliche Apparat Unwissenheit vor und schweigt zu dieser Lehre. 
  • Obwohl der Papst die Kapitel 'Ordination von Frauen' und 'verheiratete Priester' für abge-schlossen erklärt hat, so teilen doch die Bischöfe und Pfarreien, die oft keine zölibatären Priester mehr haben, ihren Gläubigen pastorale, gleichsam priesterliche Aufgaben zu. Dies hat ein Ausmaß erreicht, daß der Heilige Stuhl sich gezwungen sah, eine Instruktion herauszugeben, in der die Bischöfe aufgefordert werden, über die-se 'Mißbräuche' zu wachen, die den Entscheidungen des Lehramtes zuwider laufen.
  • Würden die päpstlichen Rundschreiben nicht von der internationalen Presse publiziert, so wären sie unter den Katholiken insgesamt kaum bekannt. Von einigen Ausnahmen abgesehen, vermeiden es Bischöfe, Priester, Laienbewegungen und die katholische Presse, die Enzykliken zu studie-ren, zu kommentieren und sie vor allem zu verbreiten. Auf diese Weise isolieren sie den Papst von der katholischen Gemeinschaft.
Auch die delikate Frage des priesterlichen Zölibats wird geschickt umgangen:
  • Angesichts der düsteren Aussichten für Priester, die ihr Amt aufgeben und in den Laienstand zurücktreten (Arbeitslosigkeit, Verlust der Wohnung und der Pension), suchen viele eine Lösung ihrer sexuellen Probleme auf andere Weise (Masturbation, geheime Beziehungen, wilde Ehe, Pädophilie, Homosexualität, etc.), wobei sie fast immer auf die 'Komplizenschaft' eines Bischofs zählen können, der zwischen der Angst, einen 'Diener Gottes' zu verlieren und der Furcht vor einem Skandal gefangen ist. 
Auch Laienbewegungen sind von der Spaltung in der katholischen Kirche betroffen:
  • Auf der einen Seite stehen die Gruppen der traditionalistischen, fundamentalistischen, antikommunistischen und triumphalistischen Strömungen, der Verteidiger des ungeborenen Lebens bis zu den Verteidigern der katholischen Schulen. Diese Gruppen verfügen oft über bedeutende finanzielle Mittel und eigene Ausbildungsstätten für ihre Anhänger. Es besteht kein Zweifel, daß diese Gruppen von der vatikanischen Kurie bevorzugt werden, etwa durch Arran-gements von Zusammenkünften, zu denen ausschließlich ihre Laien-Führer und sympathisie-rende Bischöfe zugelassen sind (Rom, Juni 1999).
  • Davon völlig verschieden ist die Situation anderer Laienbewegungen die weder über Kapi-tal noch über Publikationsmöglickeiten oder Ausbildungsstätten verfügen und deswegen kaum bemerkt werden. Obwohl sie die kirchliche Autorität anerkennen, ersparen sie ihr nicht ihre Kritik. Sie stehen für eine sich ständig erneuernde Kirche ein. Ihr Engagement gilt mehr der Verteidigung der Menschenrechte, der Gerechtigkeit und des Friedens. Sie lesen die Bibel im Lichte der modernen Exegese und der aktuellen Ereignisse in der Welt.
1.2.  Die Kirchenspaltung und Instrumentum Laboris

Die gegenwärtige Spaltung innerhalb der Kirche scheint bestätigt zu werden durch
Instrumentum Laboris, dem Dokument aus dem Generalsekretariat der Europäischen Bischofs-synode, herausgegeben im Juli 1999 nach ausführlichen Konsultationen mit den europäischen Episkopaten. Der vatikanische Text anerkennt "eine Verschiebung von einer gewohnheitsbe-stimmten rituellen Praxis hin zu einer Art des Feierns, die von stärkerer Überzeugung und persönlicher Mitbeteiligung geprägt ist" (43), wofür "eine tiefgehende Änderung der Gesinnung in jeder Situation notwendig ist, eine Gesinnung, die Zeit, Geduld und Bildung erfordelich ist" (49), insbesondere weil "es immer weniger möglich ist, pastorale Programme auf einer voraus-gesetzten Akzeptanz eines allgemein geteilten christlichen Glaubens aufzubauen" (15). Es sollte in der Tat zumindest zwei sehr verschiedene Wege für das Verständnis und die Organisation der Kirche geben.

Einerseits ist es eine Tatsache, daß "die Kirche ... eine neue Vitalität an den Tag legt, insbeson-dere in der biblischen und liturgischen Erneuerung, in der aktiven Teilnahme der Gläubigen am Leben der Pfarren, in neuen Erfahrungen von Gemeindeleben ..., in der Zunahme der großmüti-gen Dienste an Armen und Randgruppen" (77). Auf der anderen Seite "sprechen manche von einer Gefahr, wenn ein pastorales Programm weitergeführt wird, das nicht mehr die Charakteri-stika jener Zeit trägt, als das Christentum die dominierende Religion war. Ein solches pastora-les Programm ist psychologisch ungeeignet, dem Schwinden des Ansehens und der gesellschaftlichen Anerkennung der Kirche entgegenzuwirken. Die Vertreter dieser Richtung versuchen, die Strukturen und den Einfluß der Kirche mit allen Mitteln zu erhalten, auch um den Preis des Kompromisses, daß viele Menschen in einer überkommenen Art der Zugehörigkeit zur Kirche leben, ohne Veranlassung zu einer klaren und grundlegenden Entscheidung." (15)

Auch in Bezug auf die Zusammenarbeit von Priestern und Laien weist Instrumentum Laboris darauf hin, daß "aufgrund der Existenz von beratenden Versammlungen und Strukturen der Mitwirkung auf Pfarrebene und darüber hinaus eine positive Entwicklung der Zusammenarbeit und oft auch der Mitverantwortung unter den in der Gemeinschaft der Kirche aktiv Mitwirkenden gegeben ist. Die Basis dieser Zusammenarbeit ist eine Respektierung der Rolle und der Kompetenz eines jeden ebenso wie die Anerkennung der Gleichheit aller. Über das Pfarrleben hinaus ist diese Tendenz auch zu sehen in neuen Bewegungen und Gemeinschaften geweihten Lebens". Weiters stellt das Dokument fest: "Es gibt jedoch weiterhin viele Situationen, wo Priester eine eher dominierende und autoritäre Haltung einnehmen, die den gläubigen und erwachsenen Laien, die in Familie und Gesellschaft Verantwortung tragen, weder ihre Reife zugesteht noch den wertvollen Beitrag, den sie in der kirchlichen Gemeinschaft leisten, aner-kennt. Obwohl es Anzeichen gibt, daß sich diese Situationen allmählich ändert, bleibt eine wirkungsvolle Zusammenarbeit in einer gemeinsamen Aufgabe oft in weiter Ferne. Es gibt viele Gemeinden, wo die Zusammenarbeit von Priester und Laien nicht als vorrangig betrachtet wird." (49)

"In einem ständig wachsenden Pluralismus des Glaubens und der Kultur sehen einige, die von einer Art westlicher Monokultur geprägt wurden, mit Besorgnis auf diese Situation und sind nicht gerüstet, diesen Pluralismus zu verstehen und zu interpretieren." In einem anderen Kapitel werden die Früchte einer solchen christlichen Monokultur zusammengefaßt: "die Versuchung, die Aufmerksamkeit von weltlicher Macht, finanziellen Dingen und dem reibungslosen Funktio-nieren von Organisationen fesseln zu lassen; eine Form von neuem Klerikalismus wenn auch latent; die subtile Tendenz, sich selbst hervorzuheben durch autoritäre Führung in pastoralen Projekten, mit der Gefahr der Gewissensmanipulation und der Umgehung von Zusammenarbeit in der Evangelisationsarbeit; sowie die Gefahr von versteckten Formen von väterlicher Für-sorge im Zusammenhang mit wohltätigen Diensten und sozialer Hilfe." (39)

Auch im liturgischen Bereich erweist sich diese Situation als problematisch, da einerseits liturgische Feiern und Gebetsgottesdienste, die den geltenden Normen nicht entsprechen und inakzeptable Auswüchse der liturgischen Kreativität hervorrufen, wohl gestaltet oder gut improvisiert sein mögen; andererseits zeigen Erfahrungen, daß liturgische Feiern und fromme Praktiken, die allzu sehr in den Rubriken verhaftet sind, spirituell vertrocknet erscheinen und vielfach als langweilig empfunden werden; auch sollen alle jene traditionalstischen Gruppen nicht übersehen werden, die durch besondere Betonung der äußeren liturgischen Formen diesen faktisch einen orthodoxen Charakter verleihen (69). Die Schlußfolgerung lautet wie folgt: "Zweifellos führen diese unterschiedlichen und oft gegensätzlichen Realitäten im Verständnis und im Feiern der Liturgie oft zu einer Polarisation. Auf diese Weise wirken verschiedene diesbezügliche Aspekte zusammen und schaffen ein Bild der Kirche, welches den Eindruck vermittelt, es gäbe zwei verschiedene Wege des Erkennens und des kirchlichen Lebens, wohl parallel verlaufend, aber in der Realität diametral gegeneinander gerichtet." (69).

Die der Europäischen Bischofssynode vorausgehenden Beratungen, deren Motor  Instrumentum Laboris  sein soll, bestätigen in gleicher Weise, daß es zwei Wege des Verstehens und Erfah-rens von Kirche gibt, die im Gegensatz zueinander stehen. (69)

2.  Zwei Weltanschauungen

Wenn auch die Situation der katholischen Kirche auf den ersten Blick aussieht wie eine Mischung aus militärischer Einheitlichkeit (alle zeigen einen formellen Gehorsam gegenüber dem Chef) und ausgesprochener Anarchie (jeder kauft und verkauft im katholischen Supermarkt, was ihm gefällt), so ist ein Aspekt der aktuellen 'Krise' bei näherer Betrachtung nicht zu leugnen: der Gegensatz zwischen zwei Weltanschauungen  und das Fehlen eines kompetenten und autorisier-ten Vermittlers, der in der Lage ist, die Zwistigkeiten zu schlichten und eine 'Bekehrung' aller herbeizuführen.

2.1.  Die patriarchalische Weltanschauung

Die Ideologie, auf der ein Teil des Katholizismus basiert, ist patriarchalisch (der Patriarch befiehlt über seine Familie, und die Familie schuldet ihm absoluten Gehorsam), machistisch  (der 'Macho', der Mann ist der 'kleinen' Frau überlegen), monarchisch-theokratisch (man versucht, durch eine eigene Sprache, eigene Gebäude und eigene Führer einen Sonderstatus zu erlangen), klerikal (alle Führungspositionen werden geweihten und darüber hinaus zölibatären Personen übertragen), und dogmatisch (die Lehre ist unbestreitbar, da göttlichen Ursprungs). Diese Weltanschauung äußert sich durch Macht, privates Eigentum, Reichtum, Gesetze, Diszi-plin, Furcht, Unterdrückung und sogar Gewalt. Jeder Versuch, sich gegen die Autorität zu stellen, kommt einem Sakrileg gleich und kann den Ausschluß aus der Gemeinschaft (Exkommu-nikation) mit sich bringen.

Aus dieser Perspektive halten es die 'Treuen' für ihre höchste Pflicht, an den Lehren und Ritua-len festzuhalten, die die Hierarchie für sie festlegt und die 'unfehlbar' werden in der Person des 'Heiligen' Vaters:

  • als einziger Verwalter sämtlicher materiellen Güter der Kirche;
  • als oberster Richter, dessen Entscheidungen unanfechtbar sind;
  • als absoluter Gesetzgeber, als einzige Person mit dem Recht, Gesetze und Richtlinien in der Kirche festzulegen;
  • als einzig Berechtigter, alle Verantwortlichen zu ernennen (Bischöfe, Kardinäle, Nuntii, etc.) und nach eigenem Gutdünken jene ihrer Ämter wieder zu entheben, die nicht mit ihm 'in Gemeinschaft' stehen;
  • als derjenige, der Konzile und Synoden einberuft, legitimiert und disqualifiziert;
  • als einzig Bestimmender in der Politik gegenüber internationalen Organisationen und Staats-chefs von Ländern, mit denen er diplomatische  (oft durch Konkordate unterstützte) Bezie-hungen unterhält;
  • als einziger, der niemandem über sein Tun Rechenschaft ablegen muß.
Was den wahren Gläubigen ausmacht, ist der Grad seiner 'Orthodoxie', anders ausgedrückt, seine Unterwerfung unter die unfehlbare Autorität. Von daher kommt das ständige Bemühen der Autorität, zwischen Orthodoxie und Häresie, und zwischen Zugehörigkeit und Widerspruch zu unterscheiden. Das persönliche Heil hängt von der strengen Einhaltung der von der kirchlichen Hierarchie vorgegebenen Richtlinien und Rituale ab.

2.2.  Die geschwisterliche Weltanschauung

Die andere in der Kirche vertretene Weltanschauung steht im Gegensatz zur ersten: sie ist geschwisterlich (alle sind Kinder Gottes, und daher Brüder und Schwestern), egalitär (Gleichheit unter den Geschlechtern, Völkern, Religionen, etc.), demokratisch (was alle betrifft, muß auch von allen entschieden werden), laizistisch (unabhängig von geweihten Mächten) und charismatisch (alle haben den Heiligen Geist empfangen, der beiträgt zur Ent-wicklung der Lehre und der Normen mit der Möglichkeit von Autorität, aber niemals mit dem Anspruch der Unfehlbarkeit). Dieser Ansatz bedeutet:

  • Die Kirche manifestiert sich in einer Gemeinschaft von Menschen, die materielle und spiri-tuelle Güter miteinander teilen im Gottesdienst, im Dialog, in der geschwisterlichen Liebe, im gegenseitigen Vertrauen und im Vertrauen auf Gott.
  • Sie sind verbunden durch die Kraft des Geistes, und ihr oberstes Ziel ist die Suche nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit.
  • Es gibt keine 'Herren', 'Gebieter' oder 'Chefs'. Wer die Gabe zu einer Führungsrolle hat, muß sich ganz klein machen.
  • Die Kirche besitzt keine Güter, keinen Staat, keine Banken, keine Schulen etc. und keine Reichtum. Sie ist arm, so wie es ihr Gründer war.
  • Es gibt keine Rechtsprechung außerhalb streng festgelegter Richtlinien: Nur die Gemein-schaft kann die Strafe des Ausschlusses gemäß den im Konsens festgelegten Regeln verhän-gen.
  • Die gesamte Kirche ist unfehlbar, wenn "von den Bischöfen bis zu den einfachsten Gläubi-gen eine allumfassende Einheit in Bezug auf Glauben und Moral besteht" (LG 12).
  • Die Gläubigen respektieren die staatliche Macht und behaupten aber gleichzeitig auch ihre kritische Eigenständigkeit.
Orthodoxie vermischt sich mit Orthopraxis: theologischen Diskussionen über Gott, Christus und die Kirche treten in den Hintergrund vor der Sorge für die Armen und die Brüder und Schwe-stern in Not. Das ewige Heil wird nicht erreicht durch eine abstrakte Anbetung Gottes, sondern durch konkrete Hilfe für 'Hungrige, Durstige, Gefangene und Kranke'.

3. Zwei Wege der Bildung

Jede der beiden Weltanschauungen wird genährt durch einen Bildungsprozeß, der auf ihren Fortbestand hin ausgerichtet ist. Demnach existieren zwei grundsätzlich verschiedene Stand-punkte zu Bildung und Erziehung nebeneinander.

3.1.  Bildung aus der patriarchalischen Perspektive 

Die pädagogischen Aktivitäten der Kirche unter dem Einfluß einer patriarchalischen, dogmati-schen, klerikalen und monarchischen Gesinnung tendiert zu einer Art des Lehrens für die Gläubigen, ob Kinder oder Erwachsene,

  • die Theorien bevorzugt (geschriebene Wahrheiten, zusammengefaßt im Katechismus); 
  • die vor allem Passivität hervorruft (Schule ohne praktische Übung);
  • die die Logik der persönlichen Erfahrung und den kritischen Geist ablehnt;
  • die es ablehnt, den Irrtum als Quelle der Erkenntnis zu betrachten;
  • die keine Handlungs- oder Entscheidungsfähigkeiten entwickelt;
  • die keinerlei emotionale Inhalte zuläßt;
  • die weder die Selbstbeobachtung noch die Selbsterhaltung fördert;
  • die die Gruppe als Quelle der Erkenntnis nicht in Betracht zieht.
Das auf diese Weise vermittelte Wissen bleibt abstrakt. Es ist ein klassifizierendes und auch archaisches Wissen mit dem absoluten Schwerpunkt bei den von der Hierarchie autorisierten Schriften. Es ist vor allem individualistisch: Das wesentliche ist die Rettung der eigenen Seele.

3.2.  Bildung aus der geschwisterlichen Perspektive

Die Anhänger der brüderlichen Sicht (Basisgruppen, ökumenische Gruppen, Bibelgruppen, experimentelle Katechese, progressive Pfarren, etc.) suchen einen Glauben zu vermitteln,

  • der das Interesse für reale Probleme weckt;
  • der vor allen aktiv gelebt wird und auf das alltägliche Leben ausgerichtet ist;
  • der das Recht auf Irrtum zuläßt und die dem Irrtum innewohnende Möglichkeit der Erkennt-nis anerkennt;
  • der immer wieder die Theorie an der Realität mißt;
  • der Selbstbewußtsein, Selbsteinschätzung und emotionale Anteilnahme fördert;
  • die gemeinschaftliche Arbeit fördert.
Diese Gläubigen mit Gemeinschaftserfahrung zeichnen sich durch ein außergewöhnlich prakti-sches und zusammenhängendes Wissen aus, das wesentlich auf einer Priorität der verbalen Kommunikation beruht. Wesentlich ist die Suche nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit. ("Gerettet werden wir nur gemeinsam.")3. Zwei OrganisationenDie beiden Arten, Gott, die Kirche und die Realität zu interpretieren, setzen zwei Arten von Organisation voraus, deren Implikationen radikal divergieren.

3.1.  Die 'klerikozentrische' Kirche

Die patriarchalisch, monarchistisch, machistisch und sakral orientierte Weltanschauung führt zu einer Organisation, die sich auf einen zentralisierten bürokratischen Apparat mit strenger Hierarchie stützt, sich mit einer sakralen Aura umgibt und damit ihren göttlichen Ursprung unterstreicht. Die Macht in diesem Apparat steigt mit den Stufen der klerikalen Karriere. Die Mitglieder dieses Apparates

  • sind aufgrund ihrer Weihe von Militärdienst und manueller Arbeit befreit;
  • verfolgen langwierige theologische Studien;
  • dürfen nicht heiraten (die Weihe ist mit Sexualität nicht vereinbar);
  • verwalten die Sakramente, bestimmen die Lehre und steuern die Bildung der Gläubigen;
  • werden vom 'Oberen' ernannt, sind ihm untergeben und mit Unterhalt, Wohnung und Arbeit von ihm abhängig;
  • verwalten das Vermögen und die Immobilien der Kirche;
  • haben das Vetorecht in Laienversammlungen.
Das gläubige Volk der Laien kann sich nicht dieser Privilegien des klerikalen Apparates erfreuen und darf auch keine Tätigkeiten ausführen, die dem Klerus vorbehalten sind. Juristisch-soziologisch ausgedrückt: die Laien sind nicht Teil der Organisation, sondern sind lediglich 'Konsumenten'. Ihre Macht beschränkt sich auf die Möglichkeit, das Angebot des 'Produzenten' (Hierarchie und Klerus) anzunehmen oder abzulehnen.

3.2.  Die 'demozentrische' Kirche

Das geschwisterliche Modell, das in den ersten Jahrhunderten des Christentums der bestim-mende Einfluß für die Kirchenorganisation war, sieht die Versammlung der Gläubigen (eccle-sia) als Ganzes verantwortlich für Entscheidungen in geistlichen und materiellen Fragen, weil sie 'an Gott und an den Gaben des Geistes teilhat'. Dieses Modell, das in der Vergangenheit auch zur Grundlage von Armuts- und Erneuerungsbewegungen geworden ist, inspiriert heute in gleicher Weise die modernen 'Basisgruppen' (teilweise auch in Verbindung mit religiösen Orden). In diesen Gruppen

  • ist keines der Mitglieder auf irgendeine Weise privilegiert bezüglich Status oder Arbeit etc.;
  • wirken alle mit an der Ausarbeitung der Grundlinien der Lehre (Theologie, Liturgie) und der Organisation;
  • gibt es keine Diskriminierung zwischen Mann und Frau, zölibatär oder verheiratet;
  • sind die Ämter offen für alle, die zum Dienst befähigt sind; es gibt keine geweihten Perso-nen;
  • bauen die Beziehungen auf Gemeinschaft, Gegenseitigkeit und Gleichheit auf und
  • niemand hat ein Vetorecht;
In einer solchen Organisation hat die 'Basis' die Macht und das Recht, einen 'Vorsitzenden' zu ernennen. Dieser wird im Falle seiner Ablöse wieder zum gewöhnlichen Gruppenmitglied.

4.  Zwei Paradigmen

Diese beiden Weltanschauungen, die zur Zeit innerhalb der katholischen Kirche aufeinander-prallen und zwei unterschiedliche Lehr- und Organisationsmodelle vertreten, hängen ihrerseits wieder zusammen mit zwei ebenfalls völlig divergierenden metaphysischen und erkenntnistheo-retischen Prämissen (Paradigmen). Nach Norgaard gibt es jeweils fünf Prämissen.

4.2.  Deterministisches Paradigma

Die Prämissen des monarchisch-patriarchalisch-machistisch-bürokratischen Paradigmas waren nachhaltig für die technisch-wissenschaftlich-soziale Entwicklung der westlichen Welt verant-wortlich. Sie unterstützen in hohem Maße die philosophisch-religiös-politischen Systeme. Die fünf Prämissen sind:

  • Atomismus: das System (sei es ein soziales, religiöses oder natürliches) besteht aus nicht austauschbaren Teilen und ist schließlich nicht mehr als die Summe seiner Teile.
  • Mechanismus: die Beziehungen zwischen den Teilen sind vorherbestimmt; Veränderung manifestiert sich als einheitlich, sie ist umkehrbar und vorhersehbar.
  • Universalismus: Die Teile eines Systems und die Beziehungen zwischen ihnen sind immer und überall von ein und derselben Natur.
  • Objektivismus: man kann ein System objektiv verstehen und steuern, ohne ein Teil davon zu sein. Die Realität läßt sich verstehen aufgrund von abstrakten und persönlichen Werten.
  • Monismus: die verschiedenen Arten ein System zu erkennen, können auf eine einzige redu-ziert werden: die beste. Es gibt nur eine richtige Antwort.
Dieses Paradigma ist ausgesprochen fatalistisch-deterministisch, denn es bedeutet, daß man nach Kenntnis des Ausgangszustandes eines Systems dessen zukünftige Entwicklung mit Sicher-heit voraussagen und steuern kann. Diese Zwangsläufigkeit der Ereignisse umfaßt auch Kata-strophensituationen, die als unvermeidbar erlebt werden, und schließt damit jede Verantwor-tung aus.

Die patriarchalisch-klerikal-dogmatische Kirche wird von diesem Paradigma bestimmt. Nach-dem die Elemente dieses kirchlichen Systems (Dogmen, Riten, ethische und soziale Normen) als unveränderlich und nicht veränderbar festgelegt sind, werden sie automatisch durch die Bürokratie (den Klerus) in die Pastoral eingefügt und auf die ganze Welt übertragen. Die Kirche kann unbesorgt in die Zukunft blicken, die lediglich eine Extrapolation der Gegenwart sein wird.

4.2.  Das Wahrscheinlichkeits-Paradigma

Es ist eine neue Tatsache, daß als Folge des gleichzeitigen Fortschritts von Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft das 'westlich-patriarchalische Paradigma' immer mehr geschwächt wurde, bis es schließlich seinen scheinbar universellen Charakter verloren hat. Es hat sich herausgestellt, daß perfekt deterministische Regeln und Gesetze eine unvorhersehbare  und chaotische Entwicklung hervorrufen können, die man paradoxerweise als 'deterministisches Chaos' bezeichnet. Daher wurde in den letzten Jahrzehnten ein neues Systemparadigma notwen-dig, das auf fünf metaphysischen und erkenntnistheoretischen Prämissen beruht, die sich von denen des deterministische Paradigmas total unterscheiden:

  • Holismus (Gegensatz zum Atomismus): man kann die Elemente nicht verstehen, indem man sie vom Ganzen trennt; das Ganze ist mehr als die Summe seiner Elemente.
  • Evolutionismus (Gegensatz zum Mechanismus): Systeme können sich mechanisch-selbsttä-tig, aber auch chaotisch, unvorhersehbar verhalten und von hoher Diskontinuität sein
  • Kontextualismus (Gegensatz zum Universalismus): Phänomene hängen von einer Vielzahl zufälliger räumlicher und zeitlicher Faktoren ab. Man kann analoge Phänomene unter ver-schiedenen zeitlichen und örtlichen Bedingungen untersuchen, obwohl sie von verschiedenen Faktoren verursacht wurden.
  • Subjektivismus (Gegensatz zum Objektivismus): wir können Systeme nicht unabhängig von uns selbst verstehen. Die Beobachtung ändert das Beobachtungsobjekt.
  • Pluralismus (Gegensatz zum Monismus): man kann komplexe Systeme nur mit Hilfe von verschiedenen Gedankenmodellen verstehen. Diese verschiedenen Modelle sind nicht ver-gleichbar und können nicht auf eines reduziert werden.
Die Krise des 'deterministischen Paradigmas' entstand, als die außergewöhnlich schnelle Entwicklung von Technik und Wissenschaft es dem Menschen erlaubte, eine unsichtbare Wirk-lichkeit zu beobachten (Atome, Gene, das Unbewußte, die Atmosphäre, etc.) und in sie einzu-greifen, wobei er die unendliche Komplexität der Entwicklung des kosmischen Systems ent-deckte.

Was den sozialen Bereich betrifft, so genügt es, an die gesellschaftlichen Konflikte zu erinnern, als die Frauen, ebenfalls in Folge des oben beschriebenen überpersönlichen Prozesses, ihren Platz in der Schöpfung und in der Geschichte beanspruch-ten. Frauen haben in der Kirche eine tiefergehende Reflexion herausgefordert, in deren Folge sich die Kirche erstmals in ihrer Geschichte gezwungen sah, öffentlich zuzugeben, daß Gott nicht nur 'Vater' sondern auch 'Mut-ter' ist. Frauen warfen die unangenehme Frage des Zuganges zu Weiheämtern für Frauen auf, welche nach der Tradition nur Männern zustehen.

Aus all diesen Gründen mußte man das deterministische Paradigma, daß Jahrtausende hindurch seine Gültigkeit hatte, aufgeben und zu einem Systemparadigma übergehen, auf dessen Basis sich dogmatische Definitionen, liturgische und kanonische Regelungen, die Kirchenorganisation und ethische Normen nur auf behutsame, vorsichtige, im Kontext zu sehende und intelligente (intus legere = inneres Lesen) Weise formulieren las-sen. Es ist unmöglich, Strenge und Starrheit zu analysieren, zu planen, zu definieren, allgemein anzuwenden und zentral zu steuern, ohne in die Gefahr ihres Zusammenbruches zu laufen. Das wäre wie ein Staat, der das gesamte Leben seiner Bürger ein für alle Male ordnet und starr festlegt, ein Vorgehen, das in einer komplexen Gesellschaft nicht denkbar ist.

6.  Überwindung der Spaltung

Die Änderung des metaphysisch-erkenntnistheoretischen Paradigmas erfordert offensichtlich eine 'Metanoia', eine Veränderung, aufbauend auf der Bereitschaft, nicht die Idee selbst zu ändern, sondern die Art und Weise, wie die Realität in ihrer Ganzheit wahrgenommen und durchdacht wird.

6.1.  System-Denken

Auf holistische Art zu denken und zu agieren geht auf ein 'System-Denken' zurück, eine integra-tive und komplexe Denkweise, die die Ganzheit auf folgende Weise betrachtet: 

  • Das Leben erscheint als außerordentlich komplexes Phänomen einer Auto-Öko-Organisation. Der Mensch ist nicht das Zentrum der Schöpfung, sondern ein Zielpunkt im Schöpfungsplan des Lebens; 
  • Man kann die Organisation des Lebens nicht mit der Logik einer Maschine verstehen, die stehenbleibt, wenn einer ihrer Teile versagt. Leben besteht aus einer unbestimmbar großen Anzahl von Elementen und Arten ihres Zusammenwirkens; 
  • Lebende Systeme sind vollständige Ganzheiten ohne unzusammenhängende Teile, die sich in einem 'Netzwerk von Beziehungen' in noch größere Ganzheiten einfügen. Zu ihren Funktionen gehören unter anderem die Reproduktion und Gestaltung sowie den globalen Austausch im gesamten Netzwerk aufrecht zu erhalten; 
  • Die lebende Welt bringt Komplexität auf unterschiedlichen Niveaus mit sich. Phänomene eines Niveaus haben Eigenschaften, die auf tieferen Niveaus nicht existieren.
  • Struktur existiert gemeinsam mit Veränderung; Ungleichgewicht ist die Quelle von Ordnung, Schönheit und Vielfalt.
6.2.  Komplexes Denken

Daraus folgt, daß das System-Denken implizit komplex ist, da man dabei eingesteht,  Ungenau-igkeit, Zweideutigkeit und Widerspruch nicht beherrschen zu können und daß sich das Tragische nicht unterdrücken läßt. Das mag für einen Wissenschaftler verwirrend sein etwa bei der Entdeckung einer unerwarteten Wirklichkeit, die er nicht mehr in den theoretischen Rahmen des traditionellen Denkens einfügen kann.

Nach E. Morin ist das komplexe Denken hauptsächlich dialektisch. Für ihn stehen Ordnung und Unordnung einander nicht als Gegensätze gegenüber, sondern wirken zusammen und halten im Schoß der Einheit die Dualität aufrecht. Ursache und Wirkung vertauschen ihre Rollen, ebenso wie der Teil und das Ganze, das nicht unabhängig von seinen Teilen betrachtet werden kann (Pascal).

Komplexes Denken verbindet das Eine mit der Vielfalt, ohne daß jemals das Eine in der Viel-falt aufgeht, ebenso wenig wie sich die Vielfalt in der Einheit verliert. Die vollständige, per-fekte, unfehlbare, universelle und erhabene Erkenntnis gilt als unmöglich. Paulus hat dies vor 2000 Jahren sehr realistisch erläutert: "Jetzt noch schauen wir wie in einen Spiegel und sehen rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht." (1 Kor 13,12). Er lehnt Ordnung, Determinismus und Logik nicht ab, aber er zeigt auf, daß die Wirklichkeit auch ihr Gegenteil einschließt.

Das komplexe Systemdenken führt zu Würdigung auch des kleinsten Lebewesens. In dem Ausmaß, in dem ein Staat fähig ist, sich selbst zu schaffen, zu organisieren und zu erneuern, ist seine Organisation unendlich viel reicher als etwa die eines Atomkraftwerkes. Es fügt sich darüber hinaus in die kosmische Ordnung ein, die den Lauf der Erde um die Sonne und den Wechsel von Tag und Nacht bestimmt.

Dieser systemische Gesichtspunkt scheint in der Bibel an vielen Stellen bereits vorweggenom-men zu sein. Paulus systematisierte ihn noch weiter in seiner Sicht der Kirche als 'Leib Christi', als ein Leib, in dem die Glieder in Beziehung untereinander und mit dem Kosmos in seiner Gesamtheit stehen. Für Paulus haben die Jünger Jesu die Charismen des Heilens, Führens und der Prophetie deutlich gemacht in ihrem Bestreben zum Aufbau einer lebendigen Gemeinschaft in Gott als Netzwerk von nicht steuerbaren oder kodifizierbaren inneren Beziehungen und Bewegungen. Die Gemeinschaft widerspiegelt damit die Welt des dreifaltigen Gottes und der gesamten Kirche.

Für Paulus liegt die Grundlage aller Beziehungen in ihrer Wechselseitigkeit. Er sieht die Gemeinschaft als Stätte der Solidarität, des Miteinanders, der Bemühung um Schaffung eines Klimas der gegenseitigen Achtung. Sie ist der Ort wo Menschen einander lieben, zurechtwei-sen, für einander sorgen, einander beim Tragen ihrer Lasten helfen, einander aufnehmen, ermu-tigen, ertragen, vergeben, vor einander ihre Fehler bekennen, - wo Menschen einander dienen.

Mittels eines solchen Beziehungsnetzwerkes, ausgestattet mit einer gewissen Ordnung und obwohl nicht frei von Ungleichgewicht und Spaltung, bringt die Gemeinschaft ein gemeinsames Denken und Handeln in Gang. Sie befähigt sich dadurch, sich selbst zu organisieren, sich von anderen zu unterscheiden und weitere, noch komplexere Beziehungsnetzwerke zu schaffen, ohne dabei die Anweisungen einer Zentralmacht zu benötigen.

Innerhalb eines solchen Beziehungsnetzwerkes hat jedes Element eine Rolle als 'Aktivator', als 'Berater' in Fragen von Werten und Interpretationen und als 'Vermittler'. Dadurch trägt jedes Element bei zur Erhaltung der inneren Solidarität, vergleichbar mit jener, die der Dreifaltigkeit zugeschrieben wird. Auf dieser Grundlage erhält das Prinzip der Subsidiarität seine Bedeutung: Die dominierende Gruppe gibt Macht ab, damit andere in Erfüllung ihrer Funktion eine mitrei-ßende Wirkung in der Gemeinschaft erzielen.

Die Annahme und Anwendung des Systemdenkens bedeutet daher eine Wiederbegegnung mit den Quellen, nicht nur im biblischen Denken und Tun, sondern auch mit der besonderen Erkenntnis eines Gottes der Beziehung, des einen wahren und dreieinigen Gottes (grundlegen-des Dogma des christlichen Glaubens). Seine Ablehnung dagegen setzt die Kirche in eine Position des Abseits, auch abseits der ökologischen, pluralistischen und demokratischen Paradigmen, die die Zeichen der Zeit in sich tragen. Die ganze Welt (Religionen, politische Parteien, Institutionen, wirtschaftliche Unternehmen etc.) ist aufgerufen, sich diesen Zeichen der Zeit zuzuwenden, um die Zerstörung nicht nur 'Jerusalems', sondern der Welt selbst zu verhin-dern. 

7.  'Pfingstliche' Räume öffnen

Die Spaltung innerhalb der katholischen Kirche ist ohne Zweifel ein komplexes Problem und kann daher nur in einer komplexen Weise als 'System' betrachtet werden, in dem alles konkret in Verbindung mit allem gebracht wird, ebenso wie alles mit jedem einzelnen Element.

Die Christen werden ihre Begeisterung nur im 'Pfingstereignis' wiederfinden, bei dem ein kleiner Rest der ängstlichen Jünger des Herrn, die "im Gebet versammelt, vom Geist des Herrn erfüllt wurden und in fremden Sprachen zu reden begannen, wie der Geist ihnen eingegeben hat".

Trotz beträchtlicher Unterschiede in Rasse, Geschlecht und Religion, konnten sie die Sprachen der 'Fremden', der 'Anderen', der 'Heiden' sprechen, so daß diese erstaunt und verblüfft dastan-den. Was war passiert? Das Versprechen Gottes, das vom Propheten Joel angekündigt wurde, hat sich erfüllt. So erklärt es der Heilige Petrus: "Ich werde meinen Geist ausgießen auf alle Menschen. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer werden Visio-nen haben, eure Alten werden Träume haben" (Apg 2,17). 

Pfingsten hat die Dämme des patriarchalisch-machistisch-dogmatisch-priesterliche Systems beseitigt, um das Wasser des Geistes frei fließen zu lassen. Der Geist gibt allen die Gabe der Sprache. Der Geist kennt keine Unfehlbarkeit, keine absolute Macht, keine priesterliche Büro-kratie, keine göttlichen Riten; er läßt sich nicht in Glaubensbekenntnissen festhalten. Der Geist schafft Konsens, Solidarität, Kreativität, befähigt zum Träumen und zur Prophetie. Er tut Außer-gewöhnliches, Wunder werden Realität. Mit einem Wort, der Geist befreit die Geschichte vom Determinismus und führt sie in Richtung einer schöpferischen Evolution.

7.1  Die Dynamik von Pfingsten

Die Dynamik von Pfingsten ist vergleichbar mit einem offenen, selbstorganisierenden, dialogi-schen System mit folgenden Kennzeichen:

  • Es gibt keine 'Chefs', 'Meister' oder 'Herren', sondern nur kommunizierende Menschen, die in einer Folge von interaktiven Erfahrungen die Gestaltung ihrer geistigen Bilder an die anderer Menschen anpassen (Von Glassersfeld).
  • Menschen betreten eine entideologisierte Zone, wo durch die Auseinandersetzung mit anderen die Unterschiede des Geschlechtes, der Rasse, der Religion etc. bedeutungslos werden und wo sie die Sprache der 'Fremden' und der 'Armen' lernen.
  • Alle sind aufgerufen zu einer Bekehrung als einzigem Weg, ein neues Einfühlen in kommuni-zierende Menschen hervorzurufen.
Wir schließen diesen Beitrag, der natürlich nur unvollständig und unzulänglich sein kann, mit einem Zitat aus Instrumentum Laboris, wo dargelegt wird, daß die Kirche "aufgerufen ist, in ihrem Leben und in ihrer Sendung weiterzugehen mit dem Glauben und dem Bekenntnis in Wort und Tat, daß der Geist die Spaltung und Uneinigkeit überwinden kann" durch die Förderung "der Schaffung eines Netzwerkes von liebevollen Beziehungen, die hier im modernen Europa durch den Geist selbst gestaltet werden und ein Abbild der Liebe der Heiligen Dreifaltigkeit sind"

 Einladung

"Die Zeit ist reif, auf dem Weg gemeinsam mit dem Papst nicht nur aufs Neue festzu-stellen, daß die Kirche die Gemeinschaft der Jünger Jesu ist, sondern sicherzustellen, daß die Menschen von heute Kirche auch wirklich erleben."
Bischof Peter James Cullinane
Vorsitzender der Neuseeländischen Bischofskonferenz
bei der Ozeanien-Synode, Herbst 1988

Um in eine intensive Diskussion dieses Textes beim Forum Europäischer Christen in Rom (7.-9. Oktober 1999) eintreten zu können, ist die Mitarbeit von zahlreichen Frauen und Männern notwendig.

Wir ersuchen daher alle Leser, ihre Kommentare so bald wie möglich, spätestens bis 15. September 1999 an die unten stehende e-mail-Adresse zu schicken. Wir bitten um Berücksichti-gung, daß wir eine sehr große Zahl von Beiträgen erwarten. Deshalb ersuchen wir Sie, Ihren Standpunkt so knapp und präzise wie möglich zu formulieren. Wir möchten auch um Verständnis bitten, daß wir, wenn die erwartete Zahl von Zuschriften eintrifft, vielleicht nicht in der Lage sein werden, alle Beiträge im endgültigen Dokument zu berücksichtigen.

Nichtsdestoweniger freuen wir uns auf Ihre kooperativen Beiträge. Wir hoffen, dadurch zu einer Befreiung der Synode aus ihrem goldenen, episkopalen Käfig beizutragen und diese zu einer Sache des Volkes Gottes in seiner Gesamtheit zu machen.

Ihre Kommentare werden erbeten an:

luigi.depaoli@eurodatabank.com
 


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Webpage Editor: Ingrid H. Shafer, Ph.D.
  e-mail address: facshaferi@mercur.usao.edu or ihs@ionet.net
Posted 16 September 1999
Last revised 16 September 1999
Electronic text Copyright © 1999 Ingrid H. Shafer